"Meine Filme haben keine besondere
Botschaft"
Gespräch mit Ghost-Dog-Regisseur Jim Jarmusch
Jim Jarmusch arbeitete als Assistent bei Nicolas Roeg und Wim
Wenders, bevor er 1982 seinen ersten Film, Permanent Vacation,
drehte, für nur 15.000 $. Zwei Jahre später gewann er für Stranger
than Paradise die Caméra d'Or in Cannes und in Locarno den
Goldenen Leoparden. Jarmuschs Filmografie als Regisseur, Autor,
Produzent, Komponist, Cutter und Darsteller umfasst mittlerweile
31 Filme, u.a. Down by Law, Mystery
Train, Night on Earth und Dead
Man. Jetzt läuft sein neuer
Film, Ghost Dog, bei
uns im Kino. Mit Jim Jarmusch sprach
Katharina Dockhorn.
Caméra d'Or, Goldener Leopard, Europäischer Filmpreis (für
Dead Man) und jüngst der Douglas-Sirk-Preis der Stadt Hamburg.
Das sind nur vier Ihrer zahllosen Preise - sammeln Sie
Trophäen?
Ich halte es wie mein Idol Sam Fuller, der in San Sebastian
den Humanitarian Award für Shock Corridor erhalten sollte. Er
hat ihn abgelehnt und empfohlen, ihn Ingmar Bergman zu
verleihen. Der hat ihn auch ein Jahr später erhalten. Ich
verstehe Preise nicht, deshalb bedeuten sie mir nichts. Mein
erster Gedanke bei solchen Veranstaltungen ist stets, mich in
einer dunklen Ecke zu verkriechen. Anschließend bekommt meine
Mutter die Statuen. Aber ich will nicht undankbar wirken. Preise
helfen oft bei der Promotion eines Films.
In Ihren beiden letzten Filmen Dead Man und Ghost
Dog stellen Sie Killer in den Mittelpunkt und spielen mit
populären Genres. Das ist sehr ungewöhnlich im Vergleich zu
den Filmen am Beginn Ihrer Karriere.
Dead Man war ein Western und Ghost
Dog - weiß Gott, was alles darin steckt. Es ist ein
Samurai-, Gangster-, HipHop-, Eastern-Western. Ich will keine
Gewaltdarstellung um der Gewalt willen und habe lange
nachgedacht, ob man einen Film über einen Krieger ohne Gewalt
drehen kann. Ganz so wie Tarkowskij Andrej Rubljow, in dem nicht
ein Bild gemalt wird. Die Gewalt ist durch das Milieu bedingt,
in dem sich die Charaktere bewegen. Sie steht auch nicht im
Zentrum der Filme, so wie in vielen Martial-Art-Filmen, die nur
gedreht werden, damit man Kampfszenen zeigen kann.
In gewisser Weise wirkt Ghost Dog wie eine Fortsetzung von
Dead Man: Es geht um den einsamen Helden, der um seinen Platz im
Leben kämpfen muss.
Wenn Sie so wollen, ja. Ich analysiere meine Filme nicht
gerne und verlasse mich auf meine Intuition. Der einsame Held
gehört zu den Archetypen der darstellenden Kunst. Er findet
sich in all meinen Filmen, obwohl er in meinen beiden letzten
Filmen stärker in den Mittelpunkt gerückt ist. Ebenso wie das
Element der Reise, der Bewegung als Metapher für die Reise des
Lebens und die Suche nach unserem Platz innerhalb einer sozialen
Struktur.
Dann gibt es einen Jarmusch-Touch, eine Handschrift, die alle
Filme verbindet?
Ich habe keine Idee, wie der aussehen könnte. Ich probiere,
nie zu moralisieren und habe keine besondere Botschaft in meinen
Filmen. Ich beobachte nur die Menschen und wie sie sich
zueinander verhalten.
In Ghost Dog
zitieren Sie die Gebote der Hagakure, einer bedeutenden
Samurai-Lehre. Stand das Buch am Anfang der Story?
Ich habe sie erst gelesen, als ich mit dem Schreiben des
Drehbuches schon angefangen hatte. Zuvor hatte ich Unmengen an
Samurailiteratur verschlungen. Darunter war "Der Codex des
Samurai", der mich erst auf die Hagakure aufmerksam werden
ließ. Deren Verse haben mich dann angeregt, nochmals über die
Form des Films nachzudenken und sie als Führer durch die
Geschichte zu nutzen.
Ihr Interesse wurde wahrscheinlich durch Akira Kurosawa
geweckt?
So geht es wohl 99 % der Europäer und Amerikaner. Als ich
die ersten Bücher über Samurais las, interessierte ich mich
längst für ostasiatische Kunst und Literatur. Diese gehören
zu meinen Steckenpferden, ebenso wie das Interesse an
afrikanischer Kultur und der Mythologie der Indianer. All dies
fließt in meine Arbeit ein.
Welche ethischen Werte der ostasiatischen Religion und
Philosophie schätzen Sie besonders?
Ich finde sie interessanter als spirituelle Lehren wie
das Christentum, die das Leben nach dem Tod als Strafe oder
Preis nutzen. Solche Theorien lehne ich ab, denn sie führen
dazu, dass die Menschen ihren freien Willen diesem Ziel
unterwerfen. Und ich bin misstrauisch gegenüber jeglicher Art
von Bevormundung oder Religionen, die Strafen aussprechen. Der
Buddhismus kennt solche Regeln nicht. Ich bin kein
praktizierender Buddhist, bin aber der Lehre sehr zugewandt,
weil sie auf die freie Entfaltung des menschlichen Willens
setzt. Auch die Hagakure regt den Einzelnen mit ihren Weisheiten
an, den eigenen Weg zu gehen.
Andererseits gehört Harakiri mit zu dieser Philosophie
genauso wie der Grundsatz, seinen Herrn nicht zu verraten, was
in Ghost Dog eine
nicht unerhebliche Rolle spielt.
Er folgt dem Codex ehrenvoll bis zum bitteren Ende. Natürlich
werden viele sagen, dass dies äußerst ungesund ist. Ich will
auch nicht sagen, dass ich mich so verhalten würde. In seiner
Denkweise ist die Entscheidung logisch, denn sonst würde er den
Code verraten.
Wie reagieren die happy-end-süchtigen amerikanischen
Produzenten auf solche Konsequenz bei der Gestaltung einer
Geschichte?
Ich will keine Kompromisse eingehen, obwohl mich die
Investoren seit Jahren dazu drängen. Natürlich wollen sie ihr
Geld zurück haben, aber bitte nicht um den Preis meiner
Inkonsequenz. Die Brechung meines Berufskodex wäre mein
künstlerischer Tod. Wenn sie mir heute sagen, ich könnte nie
wieder einen Film nach meinen Vorstellungen drehen, würde ich
sofort alles hinschmeißen.
Haben Ihnen die Triumphe der Independent-Filmemacher
geholfen?
Der Begriff "Independent" ist zu einem Label
geworden, das sich nur noch am Erfolg an der Kinokasse
ausrichtet. Ist Shakespeare in Love ein Independent-Film? Oder
Der englische Patient? Es geht kaum noch darum, individuelle
Handschriften zu entwickeln. Was nicht heißen soll, dass ich
diese Filme nicht mag. Ich lasse mir von der geschäftlichen
Seite nicht diktieren, wie ich arbeiten soll. So definiere ich
für mich Unabhängigkeit. Nur wenige Regisseure bekommen Geld
von den Studios und sind trotzdem Herr ihrer Entscheidungen. Die
Coens gehören dazu, Woody Allen. John Cassavetes war es.
Was heißt das ganz praktisch?
Hätte ich Dead Man in Farbe gedreht, wäre mir mehr
Geld zur Verfügung gestellt worden. So waren es nur sieben
Millionen. Für mich eine astronomische Summe, aber dennoch zwei
bis drei Millionen weniger als ich gebraucht hätte. Meine
Freunde rieten mir deshalb ab. Für Dead Man überhaupt einen
Investor zu finden war schon schwierig genug, obwohl ich Robert
Mitchum und Johnny Depp hatte. Es war denn auch im Endeffekt
ungesund, reine Selbstausbeutung.
Nach welchen Kriterien entscheiden Sie, ob sie in Farbe oder
Schwarzweiß drehen?
Die Entscheidung fällt schon vor dem Drehbuchschreiben, wenn
ich mir die Atmosphäre vorstelle, in der der Film spielen soll.
Eine Sache der Intuition. Der einzige Film, der vom Material
bestimmt wurde, war Stranger
than Paradise. Mir war das Schwarzweiß-Material geschenkt
worden.
Werden Sie stets der Autor Ihrer Filme sein?
Nicht unbedingt. Ich würde zu einem guten Buch nie Nein
sagen, auch nicht zu einem Studiofilm. Die einzige Bedingung
wäre, dass meine Freiheit nicht beschränkt wird. Und das wird
wohl nie passieren.
Sie übernehmen immer wieder kleine Rollen vor der Kamera.
Ist das eine Lockerungsübung?
Ich betrachte mich nicht als Schauspieler. Meistens tue ich
alten Freunden einen Gefallen, wenn ich einen Part übernehme.
Die Erfahrung ist zugleich aber auch wertvoll. Ich kann mich
besser in einen Schauspieler hineinversetzen, der stundenlang
auf seinen Einsatz warten muss. Und ich kann ihnen leichter
helfen.
Gibt es schon eine Idee für den nächsten Film?
In einem Notizbuch, das ich seit acht Jahren besitze, habe
ich acht oder neun Ideen notiert. Es ist eine Art Schutzbuch,
damit ich nie die Angst kennenlernen muss, die Ideen könnten
mir ausgehen. Ghost Dog
tauchte dort nie auf. Ich bin auch noch nicht bereit, wieder an
den Schreibtisch zurückzukehren. Und außerdem bin ich
abergläubig und verrate die Idee nicht vor der Premiere eines
Films.
Quelle: epd Film 2/2000