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Jim Jarmusch

Geboren:     22.01.1953, Akron OH 
Biographie:

"Ich würde lieber einen Film über jemand machen, der seinen Hund ausführt, als über den Kaiser von China." 

Jim Jarmusch, geboren 1953 in Akron, Ohio, gehört zu einer Generation junger Filmemacher, die mit dem Hollywood-Kino nur wenig anfangen können und sich in ihren Filmen bewusst davon abheben. Jarmusch ist einer der Vorreiter dieser "Independent-Filme", die bewusst ohne großen finanziellen Aufwand (sogenannte "Low Budget"-Produktionen) von kleinen Studios produziert werden. Nach einem Literaturstudium an der University of Columbia (New York), das Jarmusch 1975 mit einem Diplom abschloss, war er von 1976-1979 zunächst Schüler und dann Assistent des Filmemachers Nicholas Ray an der New York University Graduate School.

Sein erster Spielfilm Permanent Vacation wurde sowohl von der Kritik als auch den Zuschauern noch weitgehend ignoriert. Das sollte sich jedoch mit seinem zweiten Film Stranger Than Paradise radikal ändern. Jarmusch wurde praktisch über Nacht zum "hofierten Hätschelkind der Filmkritik und Festivaljurys" (so der film-dienst) und musste sich von da an mit dem Stempel "Kultfilmer" abfinden. Der nächste Film Down By Law mit dem "Dauerredner" Roberto Benigni, dem Sänger Tom Waits sowie dem Musiker John Lurie in den Hauptrollen, etablierte Jarmusch endgültig als neuen "Star" des amerikanischen Films. Dann kamen drei Kurzfilme mit dem Namen Coffee and Cigarettes, in denen u.a. Iggy Pop und wiederum Tom Waits und Roberto Benigni mitspielten.

Nachdem die letzten beiden Filme, wie auch die Kurzfilme, in Schwarz-Weiß gedreht worden waren, überraschte Jarmusch die Kritiker mit dem Farbfilm Mystery Train, der drei Episoden in Memphis, Tennessee erzählt. Die Episodenstruktur wählte er auch für seinen nächsten Film Night On Earth, fünf Geschichten, die als gemeinsamen Nenner Taxifahrten in fünf Großstädten haben. Jarmusch hatte früher selbst gelegentlich als Taxifahrer gearbeitet; ob er dabei auch soviel erlebte ist uns nicht bekannt. Mit seinem  "Anti-Western" Dead Man kehrt Jarmusch wieder zu Schwarz-Weiß zurück, um sich bewusst vom normalen Western-Genre abzuheben. Für die Filmmusik zeichnet der Kanadier Neil Young verantwortlich. Dessen Arbeit hat Jarmusch wohl sehr beeindruckt, denn danach kam die Konzertdokumentation Year of the Horse über Neil Young und seine Band Crazy Horse, gefilmt von Jarmusch, in die Kinos.

Außer als Regisseur war Jarmusch auch schon als Schauspieler tätig. Besonders bemerkenswert sind seine Kurzauftritte in Aki Kaurismäkis Leningrad Cowboys Go America und in Wayne Wangs Blue In The Face. Beide Filme waren bei uns schon zu sehen.

Es gibt einige Konstanten in Jarmuschs Filmschaffen. Bisher übernahm er immer Buch und Regie seiner Filme. Außerdem gibt es so etwas wie eine "Jarmusch-Clique". Der Musiker John Lurie ist fast an jedem Jarmusch-Film beteiligt, entweder als Darsteller oder als Filmmusiker, sehr oft auch als beides. Roberto Benigni, Tom Waits und Iggy Pop gehören zu der Jarmusch-Clique, sie tauchen alle immer mal wieder in den Filmen auf. Jarmusch hat auch einen ganz eigenen Rhythmus, Filme zu drehen, was seinen Freund Aki Kaurismäki dazu veranlasst, ihn immer wieder aufzuziehen: "Du bist der langsamste Filmemacher der Welt." 

Quelle: Rainer Gauglitz

Filmographie:

1999  Ghost Dog  Buch, Regie
1995  Dead Man  Buch, Regie
1994  Tigrero - A Film That Was Never Made  Darsteller
1994  Blue in the Face  Darsteller
1991  Night on Earth  Buch, Produzent, Regie
1988  Mystery Train  Buch, Regie
1986  Straight to Hell - Fahr zur Hölle  Darsteller
1986  Sleepwalk  Kamera
1986  Down by Law  Buch, Regie
1984  Stranger than Paradise  Buch, Regie, Schnitt
1980  Dauernd Ferien  Buch, Produzent, Regie, Musik, Schnitt

Quelle: Lexikon des internationalen Films 1999/2000 (CD-ROM)
Copyright 1999 Systhema Verlag, München

 

"Meine Filme haben keine besondere Botschaft"
Gespräch mit Ghost-Dog-Regisseur Jim Jarmusch

Jim Jarmusch arbeitete als Assistent bei Nicolas Roeg und Wim Wenders, bevor er 1982 seinen ersten Film, Permanent Vacation, drehte, für nur 15.000 $. Zwei Jahre später gewann er für Stranger than Paradise die Caméra d'Or in Cannes und in Locarno den Goldenen Leoparden. Jarmuschs Filmografie als Regisseur, Autor, Produzent, Komponist, Cutter und Darsteller umfasst mittlerweile 31 Filme, u.a. Down by Law, Mystery Train, Night on Earth und Dead Man. Jetzt läuft sein neuer Film, Ghost Dog, bei uns im Kino. Mit Jim Jarmusch sprach Katharina Dockhorn.

Caméra d'Or, Goldener Leopard, Europäischer Filmpreis (für Dead Man) und jüngst der Douglas-Sirk-Preis der Stadt Hamburg. Das sind nur vier Ihrer zahllosen Preise - sammeln Sie Trophäen? 
Ich halte es wie mein Idol Sam Fuller, der in San Sebastian den Humanitarian Award für Shock Corridor erhalten sollte. Er hat ihn abgelehnt und empfohlen, ihn Ingmar Bergman zu verleihen. Der hat ihn auch ein Jahr später erhalten. Ich verstehe Preise nicht, deshalb bedeuten sie mir nichts. Mein erster Gedanke bei solchen Veranstaltungen ist stets, mich in einer dunklen Ecke zu verkriechen. Anschließend bekommt meine Mutter die Statuen. Aber ich will nicht undankbar wirken. Preise helfen oft bei der Promotion eines Films. 

In Ihren beiden letzten Filmen Dead Man und Ghost Dog stellen Sie Killer in den Mittelpunkt und spielen mit populären Genres. Das ist sehr ungewöhnlich im Vergleich zu den Filmen am Beginn Ihrer Karriere. 
 Dead Man war ein Western und Ghost Dog - weiß Gott, was alles darin steckt. Es ist ein Samurai-, Gangster-, HipHop-, Eastern-Western. Ich will keine Gewaltdarstellung um der Gewalt willen und habe lange nachgedacht, ob man einen Film über einen Krieger ohne Gewalt drehen kann. Ganz so wie Tarkowskij Andrej Rubljow, in dem nicht ein Bild gemalt wird. Die Gewalt ist durch das Milieu bedingt, in dem sich die Charaktere bewegen. Sie steht auch nicht im Zentrum der Filme, so wie in vielen Martial-Art-Filmen, die nur gedreht werden, damit man Kampfszenen zeigen kann. 

In gewisser Weise wirkt Ghost Dog wie eine Fortsetzung von Dead Man: Es geht um den einsamen Helden, der um seinen Platz im Leben kämpfen muss. 
Wenn Sie so wollen, ja. Ich analysiere meine Filme nicht gerne und verlasse mich auf meine Intuition. Der einsame Held gehört zu den Archetypen der darstellenden Kunst. Er findet sich in all meinen Filmen, obwohl er in meinen beiden letzten Filmen stärker in den Mittelpunkt gerückt ist. Ebenso wie das Element der Reise, der Bewegung als Metapher für die Reise des Lebens und die Suche nach unserem Platz innerhalb einer sozialen Struktur. 

Dann gibt es einen Jarmusch-Touch, eine Handschrift, die alle Filme verbindet? 
Ich habe keine Idee, wie der aussehen könnte. Ich probiere, nie zu moralisieren und habe keine besondere Botschaft in meinen Filmen. Ich beobachte nur die Menschen und wie sie sich zueinander verhalten. 

In Ghost Dog zitieren Sie die Gebote der Hagakure, einer bedeutenden Samurai-Lehre. Stand das Buch am Anfang der Story? 

Ich habe sie erst gelesen, als ich mit dem Schreiben des Drehbuches schon angefangen hatte. Zuvor hatte ich Unmengen an Samurailiteratur verschlungen. Darunter war "Der Codex des Samurai", der mich erst auf die Hagakure aufmerksam werden ließ. Deren Verse haben mich dann angeregt, nochmals über die Form des Films nachzudenken und sie als Führer durch die Geschichte zu nutzen.

Ihr Interesse wurde wahrscheinlich durch Akira Kurosawa geweckt? 
So geht es wohl 99 % der Europäer und Amerikaner. Als ich die ersten Bücher über Samurais las, interessierte ich mich längst für ostasiatische Kunst und Literatur. Diese gehören zu meinen Steckenpferden, ebenso wie das Interesse an afrikanischer Kultur und der Mythologie der Indianer. All dies fließt in meine Arbeit ein. 

Welche ethischen Werte der ostasiatischen Religion und Philosophie schätzen Sie besonders? 
 Ich finde sie interessanter als spirituelle Lehren wie das Christentum, die das Leben nach dem Tod als Strafe oder Preis nutzen. Solche Theorien lehne ich ab, denn sie führen dazu, dass die Menschen ihren freien Willen diesem Ziel unterwerfen. Und ich bin misstrauisch gegenüber jeglicher Art von Bevormundung oder Religionen, die Strafen aussprechen. Der Buddhismus kennt solche Regeln nicht. Ich bin kein praktizierender Buddhist, bin aber der Lehre sehr zugewandt, weil sie auf die freie Entfaltung des menschlichen Willens setzt. Auch die Hagakure regt den Einzelnen mit ihren Weisheiten an, den eigenen Weg zu gehen. 

Andererseits gehört Harakiri mit zu dieser Philosophie genauso wie der Grundsatz, seinen Herrn nicht zu verraten, was in Ghost Dog eine nicht unerhebliche Rolle spielt. 
Er folgt dem Codex ehrenvoll bis zum bitteren Ende. Natürlich werden viele sagen, dass dies äußerst ungesund ist. Ich will auch nicht sagen, dass ich mich so verhalten würde. In seiner Denkweise ist die Entscheidung logisch, denn sonst würde er den Code verraten. 

Wie reagieren die happy-end-süchtigen amerikanischen Produzenten auf solche Konsequenz bei der Gestaltung einer Geschichte? 
Ich will keine Kompromisse eingehen, obwohl mich die Investoren seit Jahren dazu drängen. Natürlich wollen sie ihr Geld zurück haben, aber bitte nicht um den Preis meiner Inkonsequenz. Die Brechung meines Berufskodex wäre mein künstlerischer Tod. Wenn sie mir heute sagen, ich könnte nie wieder einen Film nach meinen Vorstellungen drehen, würde ich sofort alles hinschmeißen. 

Haben Ihnen die Triumphe der Independent-Filmemacher geholfen? 
 Der Begriff "Independent" ist zu einem Label geworden, das sich nur noch am Erfolg an der Kinokasse ausrichtet. Ist Shakespeare in Love ein Independent-Film? Oder Der englische Patient? Es geht kaum noch darum, individuelle Handschriften zu entwickeln. Was nicht heißen soll, dass ich diese Filme nicht mag. Ich lasse mir von der geschäftlichen Seite nicht diktieren, wie ich arbeiten soll. So definiere ich für mich Unabhängigkeit. Nur wenige Regisseure bekommen Geld von den Studios und sind trotzdem Herr ihrer Entscheidungen. Die Coens gehören dazu, Woody Allen. John Cassavetes war es. 

Was heißt das ganz praktisch? 
 Hätte ich Dead Man in Farbe gedreht, wäre mir mehr Geld zur Verfügung gestellt worden. So waren es nur sieben Millionen. Für mich eine astronomische Summe, aber dennoch zwei bis drei Millionen weniger als ich gebraucht hätte. Meine Freunde rieten mir deshalb ab. Für Dead Man überhaupt einen Investor zu finden war schon schwierig genug, obwohl ich Robert Mitchum und Johnny Depp hatte. Es war denn auch im Endeffekt ungesund, reine Selbstausbeutung. 

Nach welchen Kriterien entscheiden Sie, ob sie in Farbe oder Schwarzweiß drehen? 
Die Entscheidung fällt schon vor dem Drehbuchschreiben, wenn ich mir die Atmosphäre vorstelle, in der der Film spielen soll. Eine Sache der Intuition. Der einzige Film, der vom Material bestimmt wurde, war Stranger than Paradise. Mir war das Schwarzweiß-Material geschenkt worden. 

Werden Sie stets der Autor Ihrer Filme sein? 
Nicht unbedingt. Ich würde zu einem guten Buch nie Nein sagen, auch nicht zu einem Studiofilm. Die einzige Bedingung wäre, dass meine Freiheit nicht beschränkt wird. Und das wird wohl nie passieren. 

Sie übernehmen immer wieder kleine Rollen vor der Kamera. Ist das eine Lockerungsübung? 
Ich betrachte mich nicht als Schauspieler. Meistens tue ich alten Freunden einen Gefallen, wenn ich einen Part übernehme. Die Erfahrung ist zugleich aber auch wertvoll. Ich kann mich besser in einen Schauspieler hineinversetzen, der stundenlang auf seinen Einsatz warten muss. Und ich kann ihnen leichter helfen. 

Gibt es schon eine Idee für den nächsten Film? 
In einem Notizbuch, das ich seit acht Jahren besitze, habe ich acht oder neun Ideen notiert. Es ist eine Art Schutzbuch, damit ich nie die Angst kennenlernen muss, die Ideen könnten mir ausgehen. Ghost Dog tauchte dort nie auf. Ich bin auch noch nicht bereit, wieder an den Schreibtisch zurückzukehren. Und außerdem bin ich abergläubig und verrate die Idee nicht vor der Premiere eines Films. 

Quelle: epd Film 2/2000

 

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